Krebspoesie: Der Rucksack des Lebens

Liebe und Leben

Auf einmal wirft es dich aus der Bahn. Unerwartet. Holterdiepolter. Plötzlich hängt ein tonnenschwerer Rucksack auf deinen Schultern.

Kein schickes Designerteil.

Den hättest du im Laden nie gekauft. Schwer vor allem. Du willst ihn ablegen. Es geht nicht. Also sprühst du ordentlich Glitzer drauf und trägst ihn. Über jeden Pflasterstein und durch jedes Schlagloch. Doch am Wegesrand taucht ständig diese schier unüberwindbar scheinende Mauer auf. Also kletterst du. Der Rucksack zieht dich runter. Aber du kletterst weiter.

Immer weiter.

Der Weg scheint schier endlos. Fast alles auf diesem Pfad, der sich Leben nennt, verändert sich.

Du – veränderst dich.

Was bleibt, ist die Liebe für das Leben. Sie wird schier unermesslich. Ein Schatz, nach dem du als Strohhalm greifst. Er gibt dir Kraft und lässt dich hoffen. Hoffen auf unbeschwerte, glückliche Tage. Es bleiben auch die unermüdlichen Wegbegleiter, die an deiner Seite mit dir durch dick und dünn gehen, Räuberleiter machen, dir Wasser reichen. Die immer da sind.

Immer.

Du kämpfst dich also durch all‘ die Eingriffe, Untersuchungen, Entscheidungen. Oft fragst du dich, wird das je ein Ende haben? Also denkst du an den Strohhalm. Doch das Licht am Horizont ist an manchen Tagen so dunkel, dass du den Strohhalm aus den Augen verlierst.

Egal. Es muss weiter gehen.

Schritt für Schritt wächst du mit der Herausforderung. Doch es gibt sie – immer wieder – die grauen Stunden, in denen du dir nur eines wünscht: Endlich wieder unbeschwert zu leben.

Unbeschwertheit.

Ist dieser Wunsch zu vermessen? Du denkst daran, wie es wäre, wieder etwas zu planen, in der Welt herum zu reisen oder dich wie früher einfach spontan von deinem Herzen treiben zu lassen. All‘ das geht nicht mehr. Da ist dieser Käfig. Er engt dich ein. Er beschneidet dein Leben. In allen Belangen. Dabei hast du schon so viel aufgegeben. Aber du kannst ihn nicht verlassen. Du brauchst den Käfig.

Um zu überleben.

Doch eines Tages öffnet sich die Tür – du atmest durch. Tief durch. Es ist soweit. Du hast dein Leben zurück. Du bist wieder frei.

Endlich.

Was bleibt, ist ein anderes, neues Ich. Ein besserer Mensch. Ist das der Trost? Die Narben auf deiner Haut erinnern dich an all‘ das, was hinter dir liegt. Und daran, dass es jederzeit wieder losgehen kann.

Jederzeit.

Die Narben auf der Haut, sie sind das eine – die Narben in der Seele, im Herzen und im Kopf das andere. Du packst also deinen Rucksack neu, sprühst wieder ganz viel Glitzer drauf und lernst damit zu leben. Genau, zu leben. Der größte Schatz auf Erden.

Und da ist es wieder: das Licht am Horizont.
Es leuchtet und glitzert.

 

Krebspoesie

 

Anja
Hi, ich bin Anja und habe dieses Blog im Februar 2017 ins Leben gerufen. Die Idee entstand direkt nach der Diagnose des Brustkrebs‘. Also legte ich los. Die Leidenschaft zur Kommunikation wurde mir in die Wiege gelegt und ist seither nicht erloschen. Ich liebe es, meine Gedanken in Wörter zu packen oder sie mit meiner Fotobüchse visuell einzufangen. Damit höre ich jetzt nicht auf – gerade jetzt nicht.

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