Kommunikation – unterwegs als Bombenleger

…oder wie sage ich es der Welt da draußen? Vor ein paar Wochen schrieb mir eine Freundin: „Na, wie viele Bomben hast du heute platzen lassen?“ Das traf den Nagel sowas von auf den Kopf. (Und es zauberte mir zugleich ein breites Grinsen ins Gesicht. Denn ich liebe Galgenhumor.) Mittlerweile kann ich es, ehrlich gesagt, nicht mehr summieren, wie vielen Leuten ich von Donald erzählt und alles erklärt habe. Oder wie vielen ich (natürlich mehr als) eine Nachricht geschickt habe. Wie so oft im Leben ist gute Kommunikation das A und O. Eine wohl überlegte Infokette ist wichtig, um all die lieben Menschen, die einem nahe stehen, auf der Reise mitzunehmen.

Tipps aus der Praxis:
Das gibt’s bei der Kommunikation zu beachten

  1. Es gibt keinen guten Zeitpunkt oder Ort, um zu erzählen, dass man Krebs hat.
  2. Es ist unmöglich, alle Personen aus dem engen Umfeld zu treffen oder anzurufen.
  3. Erstelle daher eine Liste mit einer Priorisierung, bspw. nach diesem Schema:
    a) Sehr enge Freunde/Familienmitglieder: Telefonat/Treffen
    b) Enge Freunde/Familienmitglieder:: Nachricht/SMS
    c) Restliche private Kontakte: bspw. Facebook-Post o.ä.
    d) Gute private Kontakte: Bitte Freunde darum, gewisse Telefonate oder Infoketten zu übernehmen. (So können bspw. Eltern den Rest der Familie informieren.)
    e) Chef: Gespräch
    f) Direkte Kollegen/Team: Gespräch
    g) Weitere, unmittelbare Kollegen: E-Mail
    h) Enge Geschäftskontakte: E-Mail-Nachricht
    j) Weitere Geschäftskontakte: Gib deinen Kollegen ein „Wording“ an die Hand, wie sie darauf reagieren sollen, wenn sich jemand nach dir erkundigt.
  4. Alle Leute sollten möglichst innerhalb weniger Tage abgeholt werden, denn die Nachricht spricht sich rum wie ein Lauffeuer.
  5. Man kriegt zwar eine gewisse „Routine“ dabei, die Schreckensbotschaft zu überbringen, es ist aber am Anfang trotzdem enorm kräftezehrend.
  6. Unterschätze nicht, wie lange die Unterhaltungen (egal über welchen Kanal) dauern können und wie viel Zeit das beansprucht.
  7. Plane zwischen allen Anrufen oder Gesprächen bewusst auch „Auszeiten“ ein, wo du einfach die Seele baumeln lassen kannst und dich mit „anderen“ Themen als deiner Krebsgeschichte beschäftigst.

Ein Kommunikationsplan muss her

KommunikationJa, da kommt die professionelle Kommunikatorin in mir durch. Mit Kommunikationskonzepten kenne ich mich aus – endlich mal etwas Vertrautes in diesem ganzen Krebswahnsinn. Es lohnt sich, sich vorab damit zu beschäftigen, wem man es wie mitteilen möchte. Ohne starke Schultern und helfende Hände aus dem Familien-, Freundes- und Kollegenkreis ist der Weg nämlich noch steiniger. Keine Sorge, ihr gewinnt Routine und es wird mit jedem Mal ein bisschen leichter. Nach dem dritten Mal musste ich schon nicht mehr weinen und wurde souverän. Heute geht es mir leicht von der Hand und wird auch des Öfteren mit schwarzem Humor verarbeitet. Trotzdem Obacht: Für dein Gegenüber ist es jedes Mal ein Schock und viele Menschen können mit dieser unerwarteten Botschaft nur schwer umgehen. Fingerspitzengefühl in der Kommunikation ist hier gefragt.

„Yes I am fighting cancer. What’s your super power?“

Facebook Outing
So lautete im Januar 2017 mein Facebook-Post. Es war mehr oder weniger der letzte Schritt meines Outings und einer der schwierigsten. Ich habe den Post mehrfach hochgeladen, um dann immer wieder abzubrechen. Warum? Weil ich immer wieder das Gefühl bekam, es schickt sich nicht Krebs zu haben und dann auch noch mehr oder weniger öffentlich darüber zu schreiben. Irgendwie flüsterte mir das Teufelchen auf der Schulter immer wieder aufs Neue zu, dass man sich dafür schämen muss. Was wirklich totaler quatsch ist! Es hat mich trotzdem mehrere Anläufe gekostet, bis ich endlich auf den Senden-Button geklickt habe. Danach fiel eine tonnenschwere Last von mir. Endlich war es raus und alle wussten Bescheid. Damit gab es nun kein zurück mehr. Die Marschrichtung war klar: Volle Fahrt voraus, die Segel auf Angriff gehisst.

Nach der Diagnose habe ich nie ernsthaft darüber nachgedacht, mich zu verstecken
oder es zu verheimlichen. Warum? Ich bin ein sehr offener und direkter Mensch. Mir war klar, dass man es mir schnell optisch ansehen wird, ich mehrere Monate im Büro ausfallen werde und sich fast alles in meinem Alltag verändern wird. Lügen liegt mir nicht – das hätte mich nur runtergezogen. Also bin ich frei Schnauze raus mit der Botschaft. Es war mir bewusst, dass ich die Uhr danach nicht mehr zurückdrehen konnte. Das tat mir gut.

Grundsätzlich gibt es aber natürlich drei Optionen mit der Diagnose umzugehen.

  • Option 1: Volle Transparenz und Offenheit
  • Option 2: Lediglich enge Familienangehörige und Freunde einweihen
  • Option 3: Still und heimlich im Kämmerlein

Meine Empfehlung: Geht offen mit der Diagnose um!

#fightlikeagirlIch kann jedem Krebs-Patienten nur ganz klar zu erster Option raten. Die aufmunternden Reaktionen und unzähligen Nachrichten haben mir so viel Kraft gegeben. Niemand, wirklich niemand, hat auch nur ansatzweise „doof“ reagiert. Ganz im Gegenteil: Anteilsnahme und Unterstützung waren riesig. Trotzdem war es nicht leicht. Weder die lieben Vertrauten anzurufen, noch die Nachricht auf Facebook einzustellen. Denn man macht sich angreifbar. Gerade jetzt, wo man ohnehin verletzlich ist. Leider kommt dann doch immer wieder das dusselige Gefühl hoch, sich schämen zu müssen. Schämen für den Krebs. Ja, auch als starke Persönlichkeit. Und genau da liegt die Krux: Diese Marotte muss man gleich – so gut es geht – unterbinden. Nein, ich habe diese Krankheit nicht leichtsinnig selbst verschuldet. Weder weil ich über Jahrzehnte Kette geraucht, noch weil ich mich ohne sportliche Betätigung übergewichtig durchs Leben gefuttert habe. Der (sch***) Krebs ist jetzt vorübergehend da. Genau, vorübergehend. Die Diagnose allein ist schon schlimm genug – jetzt soll ich das letzte bisschen normalen Alltag unter Freunden und Familie mit Schauspiel und Lügen verbringen? Sicher nicht.

Mein Motto ist #fightlikeagirl. Warum? Ich mache das Allerbeste aus der Zeit. Ich werde zwar in vielerlei Hinsicht kürzer treten und mein Leben verändern müssen, aber ich gebe nicht die Liebe für das Leben auf. Nicht heute und nicht morgen. Deshalb schreie ich es, so laut es eben geht, in die Welt hinaus: „Yes I am fighting cancer. What’s your super power?“

 


Ein Geschichte aus dem Leben

Eine liebe Freundin:
„Hey, schön, dich zu sehen! Wie geht’s dir?“

Ich:
„Hi! Ja, klasse, dass es so spontan geklappt hat. Mir geht’s eigentlich ganz gut. Ich muss dir allerdings was nicht so schönes sagen. (Pause) Ich war beim Arzt und (Pause) ich habe Krebs. Brustkrebs um genau zu sein.“

Freundin:
„Was?? (Pause) DAS kannst du mir doch nicht mitten auf der Straße erzählen.“

Ich:
„Hättest du es lieber zehn Minuten später beim Essen gehört?“

Freundin:
„Rrrr. Aber irgendwie hast du leider recht. Es wird nicht besser.“ 


 

Anja
Hi, ich bin Anja und habe dieses Blog im Februar 2017 ins Leben gerufen. Die Idee entstand direkt nach der Diagnose des Brustkrebs‘. Also legte ich los. Die Leidenschaft zur Kommunikation wurde mir in die Wiege gelegt und ist seither nicht erloschen. Ich liebe es, meine Gedanken in Wörter zu packen oder sie mit meiner Fotobüchse visuell einzufangen. Damit höre ich jetzt nicht auf – gerade jetzt nicht.

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