Wo zur Hölle ist mein Alltag hin?

Es ist hart, aber es geht nicht anders: Mit der Diagnose folgt unmittelbar auch die Krankschreibung. Als wenn die Diagnose allein nicht schon schlimm genug wäre, ist auf einen Schlag auch der gewohnte Alltag futsch. Wer mich kennt, der weiß, dass mir das in der Tat schwer gefallen ist. Denn ja, ich mag meine Arbeit – mein Job ist für mich vor allem Berufung und nicht nur lästige Qual zum Geld-Verdienen. Ich arbeite gern. Umso schwieriger war es, den Stift einfach fallen zu lassen und meine Energie voll auf den Kampf gegen den Krebs zu konzentrieren.

Vom Leben abgehängt?

Mein Job und mein gewohnter Alltag fehlen mir. Und wie. Auch weil man sich auf einmal so „abgehängt“ fühlt. Surprise, surprise: Das Leben „der anderen“ dreht sich nämlich ganz normal weiter. Und das ist auch gut so! Aber damit muss man erst einmal klarkommen. Wie immer: eine Kopfsache. Gerne vergleiche ich es mit dem Verlust des Arbeitsplatzes. Von einem auf den nächsten Tag sitzt kein gewohnter Stein mehr auf dem anderen. Menschen sind Gewohnheitstiere – das gibt uns Sicherheit und Halt. Veränderung schreckt uns zumeist ab. Es ist deshalb wichtig, sich Dinge aus seinem gewohntem Alltag so gut es geht, zu bewahren – seien es Sporttermine, regelmäßige Treffen oder sonstige Hobbys.

Einen neuen Alltag aufbauen

Es ist wichtig, sich neue Aufgaben und Herausforderungen zu suchen sowie die Wochentage wieder mit Struktur zu füllen. Warum? Um auf dem neuen Weg nicht verloren zu gehen. Ich habe mich beispielsweise hingesetzt und eine Liste mit Aufgaben niedergeschrieben. Dort stehen Tätigkeiten, die mir Spaß machen und mich erfüllen, die ich aber zugleich ohne größeren Druck erledigen kann. So zum Beispiel das Fotografieren, das Sortieren meiner Fotodatenbank und das Schreiben dieses Blogs. Die Meßlatte darf letztlich (leider) nicht zu hoch sein – ansonsten wird das Ganze wieder kontraproduktiv. Schließlich ist man nicht umsonst krank geschrieben. Es geht hier nicht um eine Grippe, sondern ums (Über-)Leben. Das benötigt jede Menge Aufmerksamkeit und Energie. Ein essentieller Baustein ist die „Entschleunigung“. Geduld ist bekanntlich eine Tugend. Ich selbst übe mich noch darin 😉

Meine Empfehlung

Ich habe mich damals erst krankschreiben lassen, als die vielen Arzttermine losgingen und ich diese zeitlich nicht mehr mit der Arbeit kombinieren konnte. Davor hat mich mein Job bestens abgelenkt. So hatte ich außerdem auch persönlich ein besseres Gefühl als einfach am nächsten Tag nicht mehr zur Arbeit zu erscheinen. Das ist natürlich immer typabhängig, aber für mich war diese Lösung ideal. Ich habe letztlich noch bis zum 29. Januar 2017 weitergearbeitet und die verbliebene Zeit genutzt um meine Kollegen zu informieren, meine Themen so gut wie möglich fertig zu stellen und die offenen Punkte zu übergeben. Natürlich geht das innerhalb von 3 oder 4 Tagen nicht vollumfänglich. Diesen Anspruch darf man nicht haben. Ansonsten ist die Enttäuschung vorprogrammiert. Aber man kann noch einmal das Beste geben. Und dann ist er knall auf Fall da: der Tag X. Jetzt ist es Zeit, den Stift fallen zu lassen.

Ein großes Dankeschön

Ich habe das große Glück, Teil eines tollen Teams zu sein. Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass meine lieben Kolleginnen (ja, wir sind nur Frauen :P) nun alles abfedern müssen und kann gar nicht oft genug „DANKE“ sagen. Rückhalt ist das A und O – sei es von der Familie, Freunden oder Kollegen. Mir gab bislang niemand das Gefühl, zur Last zu fallen oder gar ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. Gerade dieser Rückhalt und die vielen persönlichen Nachrichten von den direkten und auch internationalen Kollegen, diversen Chefs und externen Geschäftskontakten haben mir soviel Kraft und positive Energie gegeben. Danke! (Lest bald mehr über die Vereinbarkeit von Beruf und Chemotherapie hier im Blog.)

Anja
Hi, ich bin Anja und habe dieses Blog im Februar 2017 ins Leben gerufen. Die Idee entstand direkt nach der Diagnose des Brustkrebs‘. Also legte ich los. Die Leidenschaft zur Kommunikation wurde mir in die Wiege gelegt und ist seither nicht erloschen. Ich liebe es, meine Gedanken in Wörter zu packen oder sie mit meiner Fotobüchse visuell einzufangen. Damit höre ich jetzt nicht auf – gerade jetzt nicht.

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